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Ruth Cerf erinnert die Zeit um 1925, die Familie des Oberbürgermeisters Karl Rothe, den Zoo, die Theater und das Gewandhaus in Leipzig.

Sprecher/in/Speaker: Katharina Lang, Leipzig (Mai 2017)
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„Wir hatten für wenig Geld gutes Theater – das Schauspielhaus und das 'Alte Theater', ein wunderschönes, wirklich altes Haus, an dem viele unserer Freunde spielten beziehungsweise an de Schauspielschule waren – auch einer meiner besten Freunde, Rolf Ehrler, bei dem mein Bruder Hans um die Unschuld seiner Schwester bangte, umsonst, denn er war homosexuell, aber er war so schön! – Eine gute Zeit hatte ich im Haus von unserem Oberbürgermeister Karl Rothe, die wohnten uns gegenüber und hatten einen Riesengarten voll Obst und Gemüse. Das alles machte Frau Rothe mit ihren Töchtern und ich durfte helfen. Ich konnte mir auch einen großen Schlüssel holen, mit dem man zur hinteren Pforte in den Zoo kam, der unserem Haus gegenüber war. Dort gab es einen riesigen Platz für die Spaziergänge der Elefanten und Kamele. Da durften wir auch reiten.
Hans Rothe, der älteste Sohn des Bürgermeisters, kam aus England zurück, wo er angefangen hatte, Shakespeare zu übersetzen. Das waren damals die sogenannten modernen Übersetzungen, und sie wurden eine nach der anderen in Leipzig gespielt. Rothe nahm mich mit und ich kam mir sehr gebildet vor. Wenn ihn Kulturgrößen in der Pause begrüßten, bildete ich mir Wunder was ein.
Die Hauptproben im Gewandhaus (zu Mendelssohns Zeit gebaut) waren immer am Donnerstag Vormittag und ich konnte mit einer Tante hingehen. Der einzige Haken war, dass ich Schule schwänzen musste – ab und zu ging ich dann aber wieder am Donnerstag, damit es nicht gar zu sehr auffiel.“
English
“We had good theater for little money – the Schauspielhaus and the Altes Theater ('Old Theatre'), a beautiful, really old house, where many of our friends acted or were at drama school – also one of my best friends, Rolf Ehrler, whom my brother Hans considered dangerous for his sister's virginity, unfoundedly, for he was homosexual, but he was so beautiful! – I had a good time in the house of our mayor Karl Rothe, who lived across the street and had a huge garden full of fruit and vegetables. Frau Rothe took care of all of this with her daughters and I was allowed to help. I could also go and get me a big key to get through the back gate into the zoo, which was opposite our house. There was a huge square for the walks of the elephants and camels. We were also allowed to ride there.
Hans Rothe, the eldest son of the mayor, returned from England, where he had begun to translate Shakespeare. These were then the so-called modern translations, and they were staged one by one in Leipzig. Rothe took me with him, and I felt very educated. When he was greeted by cultural figures during the interval, I prided myself on that.
The dress rehearsals in the Gewandhaus (built during Mendelssohn's time) were always on Thursday morning and I could go there with an aunt of mine. The only catch was that I had to skip school – but now and then I went again on Thursday, so it did not attract too much attention.”
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Ruth Cerf mit der Mutter Jenny Cerf und den Brüdern Kurt und Hans im Oktober 1926 in Leipzig. (© private archive K.Berg)
Ruth Cerfs Mutter Jenny Cerf, geborene Falk, die Aufnahme wurde um 1906 gemacht, war selbst Schauspielerin in Leipzig. (© private archive K.Berg)
Paul und Jenny Cerf um 1906 in Dresden (© private archive K.Berg)
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Ruth Cerf erinnert die Zeit um 1925 und die Gaudigschule.

Sprecher/in/Speaker: Anonym, Leipzig (Mai 2017)
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„Ich wurde älter und interessierter, was um mich herum vor sich ging. Ich kam in die Gaudigschule, die erste Mädchenmittelschule, geleitet von dem demokratischen Rektor Köhler, den später die Nazis umgebracht haben. Die gesetzlichen Bestimmungen konnte er trotz allem nicht ändern: Wir sogenannten armen Schülerinnen konnten das Schulgeld nicht zahlen und erhielten ein Stipendium. Wir mussten aber eine ganze Note im Durchschnitt über dem verlangten Zeugnis-Mittel haben. Da wurde mir zum ersten Mal der Unterschied zwischen Arm und Reich bewusst. Und als Erwin Ackerknecht, Medizinstudent aus Berlin, an unsere Schule kam, um eine Schülergewerkschaft zu gründen, war ich Feuer und Flamme. (...) Die Zeiten damals waren schwierig und nicht ungefährlich, aber wir hatten spannende Zeiten: Einen großen Kreis politisch gleich motivierter Linker – vor allem Studenten aus aller Welt – unsere Mentoren Dackel und Giorgio, frischgebackene Medizinstudenten, Gewerkschafter und Arbeiter, Juden und Katholiken, Freidenker – vor allem sogenannte „Minderbemittelte“, aber auch einige mit reichen Vätern, die uns unter die Arme griffen. Treffpunkte: Im Sommer das Poseidonbad und manchmal sogar Auerbachs Keller, bis die SA-Jugend ihn in Beschlag nahm.“
English
“I grew older and more interested in what was going on around me. I went to the Gaudigschule, the first girls' middle school, run by the democratic principal Mr Köhler, who was later killed by the Nazis. He could not change the legal provisions, however: we poor pupils could not pay the school fee and received a scholarship. However, we had to have a whole grade on average above the required average mark. That was when I realised the difference between the rich and the poor for the first time. And when Erwin Ackerknecht, medical student from Berlin, came to our school to establish a pupils’ union, I was thrilled. (...) Those days were difficult and dangerous, but we had exciting times: a large circle of politically equally motivated leftists – especially students from all over the world – our mentors Dackel and Giorgio, brand new medical students, trade unionists and workers, Jews and Catholics, free thinkers – mainly so-called “less well-off”, but also some with rich fathers who supported us. Meeting points: in summer, the Poseidonbad swimming pool and sometimes even Auerbach's Cellar, until the SA youth hogged it.”
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Ruth Cerf ca. 1919 in Leipzig (© private archive K.Berg)
Ruth Cerf mit den Brüdern Kurt und Hans 1926 in Leipzig (© private archive K.Berg)
Ruth Cerf nach der Emigration nach Paris, um 1935 (© private archive K.Berg)
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Ruth Cerfs Bruder Hans Cerf erinnert wie ein von ihm geschriebenes Buch 1936 unter falschem Autorennamen veröffentlicht wurde, während er im KZ Sachsenburg inhaftiert war.

Sprecher/in/Speaker: Dr. Schulz, Leipzig (23.Juni 2017)
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6. August 1935. Ich sitze gerade an meinem Schreibtisch im Brühl 65 und warte darauf, dass Herr Finkelstein kommt. Gegen 11 Uhr höre ich meine Sekretärin mit einem Besucher sprechen, der Herrn Cerf sehen möchte. Ich stehe auf und da ist dieser eher kleine Mann, der mir höflich seine Dienstmarke zeigt: „Gestapo!“
„Sie werden mit mir zum Hauptquartier gehen, versuchen Sie nicht zu fliehen, wir werden von unseren Waffen Gebrauch machen.“ Während er das sagte, kamen zwei Zwei-Meter-Männer herein und bedeuteten mir, ihnen zu folgen.
„Oh ja“, sagte der kleine Typ, „versprechen Sie einem Juden einen Geschäftsabschluss und Sie kriegen ihn.“ Er war es, der vorher unter dem Namen Finkelstein angerufen hatte.
Im Hauptquartier machten sie sich einige Notizen und händigten mir dann einen Haftbefehl aus, der besagte: „Dem Juden Hans Cerf soll beigebracht werden, wie er im nationalsozialistischen Staat zu leben hat, und zu diesem Zweck wird er ins KZ Sachsenburg gebracht.“
(Später im Konzentrationslager):
Dann – mitten am Arbeitstag – kam ein SS-Mann zum Steinbruch und schrie: „Häftling Cerf!“ Ich stand stramm und mir wurde gewinkt, herunterzukommen. „Folgen Sie mir!“ Er zeigte dem führenden Wachmann einige Dokumente und brachte mich zurück ins Lager, dieses Mal zur Turnhalle, wo ein anderer Typ mit einer Aktentasche in Begleitung einiger höherer Lageroffiziere wartete. Mir wurde ein Stift gegeben und eine Linie zum Unterschreiben gezeigt, auf einem Dokument, das ich vor dem Unterschreiben nicht lesen durfte. Ich konnte trotzdem einen Blick darauf werfen und sah, dass meine Angabe erklärte, dass das Kinderbuch über das Automobil unrechtmäßig vom wirklichen Autor, nämlich Herrn Hillemann, gestohlen worden wäre und dass ich hiermit meine Tat gestände und dass ich keinerlei Rechte bezüglich Hillemanns Eigentum hätte. Natürlich unterschrieb ich. Jetzt wusste ich wenigstens, WARUM ich hier war. Nach meiner Entlassung aus dem KZ fand ich mein Buch in allen Schaufenstern der Buchläden wieder: „Das Auto mit allem drum und dran, ein lustig Bilderbuch für jedermann“, Verse Hillemann, Zeichnungen Wegener.“
English
August 6, 1935. I am sitting at my desk at Brühl 65, waiting for Mr. Finkelstein to come. At about 11 o'clock, I hear my secretary talking to a visitor, who wanted to see Mr. Cerf. I get up and there is this rather small man showing me his credentials in a courtly fashion : "Gestapo!"
"You will go with me to headquarters, don't try to flee, we will make use of our guns." while he said that two six footers entered and motioned to me to get ready to follow them.
"Oh yes," said the small Guy, "promise a Jew a business deal and you catch him." It was he who had called before under the name of Finkelstein.
At headquarters, they took some notes and then they handed me a "Haftbefehl" which read "The Jew Hans Cerf is to be taught, how to live in the National Socialist State and will be transferred for this purpose to the KZ Sachsenburg."
(Later in the concentration camp)
Then-in the middle of a working day-an SS man came to the quarry and shouted "Häftling Cerf!'' I stood at attention and was waved to come down. "Follow me!" He showed our leader guard some documents and took me back into the camp to the Gym this time, where another guy with a briefcase was waiting in the presence of some higher Camp officers. I was handed a pen and shown a line to sign on a document, which I was not permitted to read before signing it. I just got a glance though and saw that my statement declared, that the children's book about the auto- mobile was illegitimately taken from the real author, namely Mr. Hillemann and that I herewith admit to my crime and that I would have no rights whatsoever on Hillemann's property. Naturally I signed. Now at last I knew WHY I was here. After my release from the KZ I found my book in all windows of the bookstores: "Das Auto mit allem drum and dran, ein lustig Bilderbuch für jedermann", Verse Hillernann, Zeichnungen Wegener.
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Hans Cerf (rechts) mit der Schwester Ruth und dem Bruder Kurt 1926 in Leipzig (© private archive K.Berg)
Hans und Käthe Cerf emigrierten 1938 über Stockholm, Moskau und Tokio nach New York (© private archiv S. Cerf)
(Buch/Titel) Dieses von Hans Cerf verfasste Buch erschien 1936 unter dem Autorennamen Hillemann. Man hatte den rechtmäßigen Autor erpresst, die Rechte abzutreten, und den skandalösen Vorgang als „Spende an die Hitlerjugend“ bezeichnet.
(Buch/Auszug) Auszug aus dem Buch „Das Auto mit allem Drum und Dran ...“. 30 Jahre sollte der Prozess dauern, der den rechtmäßigen Autor Hans Cerf schließlich 1979 mit 20.000 DM für die widerrechtliche Veröffentlichung entschädigte – Otto Hillemann wird noch immer als Autor des Buches genannt.